Das bloße Leben

Über den ersten Frost

Heute nacht riecht es zum ersten Mal nach Winter. Die Menschen, die von draußen herein kommen, schütteln sich und schnauben ein bisschen. "Heut ist es ganz schön kalt", sagen sie. Die Kälte wird kommentiert und lamentiert, aber es schwingt auch Aufregung mit in dem Satz. Es ist Herbst, es wird Winter werden. Es gibt sie noch, die Jahreszeiten. -Ist es das, was alle glücklich macht? Vielleicht ist es deshalb aufregend, weil man für einen kurzen Augenblick wirklich die Kälte r i e c h e n kann. So wie man im Frühling die ersten Sommerstrahlen mit der Nase wahrnimmt, weil die Feuchtigkeit in den Boden einsickert und der Geruch von Erde und frischem Gras aufsteigt. Es ist kalt heute nacht. Und schon bald werden wir Mützen und Handschuhe brauchen, um Rad zu fahren. Schon bald werden Schulkinder an der Haltestelle stehen und mit ihrem Atem in die Luft malen und dabei lachen und so tun, als ob es die Rauchwölkchen von Zigaretten wären, die sie paffen. Heute nacht riecht es noch nach Herbstlaub. Ich strecke meinen Kopf zum Fenster hinaus und höre die Menschen unter mir die Gasse entlang gehen. In der Querstraße brummt der Verkehr. Ich bin mitten in der Stadt. Aber selbst hier riecht es heute nach Winter.

1 Kommentar 13.10.07 21:48, kommentieren

Über Entfremdung

Die Grenzen meiner Sprache sind heute abend nicht die Grenzen meiner Welt. Sprachlos gehe ich auf der nachtdunklen Straße. Das Abendessen mit meinem Vater verlief nicht ruhig. Wir bohrten beide nach, bis es schmerzte und ich einsehen musste, dass wir uns entfremdet haben. Dabei tut es noch weh. Das ist ein gutes Zeichen, wenn es noch weh tut, nicht wahr?

12.10.07 23:34, kommentieren

Über das Finden von neuen Freunden

Ich erinnere mich noch an diverse Artikel in Jugendzeitschriften, in denen Tipps und Tricks zum Flirten verraten wurden. Das Thema "Wie finde ich attraktive Männer und signalisiere, dass ich interessiert bin" ist zwar seit einigen Jahren obsolet geworden, die Tipps und Tricks behersche ich immer noch. Im Moment wäre es mir aber lieber, ich würde die Zauberworte beherrschen, um Freunde kennenzulernen. Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen einem ersten Flirt und dem ersten freundschaftlichen Kontakt. Folgende Geschichte illustriert das ganz gut: Letzte Woche war ich bei einer modernen Tanzperformance. Im Vorfeld dazu fand eine Einführung in das Werk der Choreographin statt und mir fiel ein gut aussehender Typ auf, der sich zwei Reihen weiter mit seinem Freund hingesetzt hatte. Sein Aussehen fiel in die Kategorie "Typus Architekturstudent" – schwarze eckige Brille und halb schludrig, halb ordentliche Klamotten. Wir sind uns während der Performance mehrmals über den Weg gelaufen und als ich nach dem Ende der Vorstellung mit meinem Rad davonfuhr sagten wir sogar noch "Tschüss" zueinander. Wäre ich single, so hätte ich vielleicht diese Gelegenheit nützen können, um mit Löwenmut stehen zu bleiben und nach seiner Telefonnummer zu fragen – oder ihm meine zu geben. Nun ist es aber so, dass ich einen tollen Freund habe und gar nicht auf der Suche nach einem anderen Mann bin. Ich bin aber auf der Suche nach Freunden, die ich in dieser neuen Stadt sehr schmerzlich vermisse. Hätte ich auch absteigen und zum Architekturstudenten sagen können: "Hey, du scheinst echt nett zu sein! Hättest du Lust, mal was gemeinsam zu unternehmen? Ich hab bereits einen Freund, es wäre also wirklich nur freundschaftlich." Eine solche Anfrage scheint mir nun gar zu abstrus. Wie fragt man jemanden, ob er oder sie Lust auf eine Freundschaft hat? Ich denke, meist entstehen Freundschaften ja zufällig. Man kennt sich aus dem Studium, aus der Arbeit oder lernt sich über den Freundeskreis kennen. Ich habe auch selber tolle Freunde, die ich auf diese Weise kennengelernt habe. Aber beim Flirt überlässt man es ja auch nicht dem Zufall. Die Chemie muss schon stimmen. Das ist doch im Prinzip bei Freunden auch nicht anders.

28.9.07 12:36, kommentieren

Über das exhibitionistische Wohnen

Ich bin seit jeher eher freizügig. Nicht, dass ich mich auf der Liegewiese des örtlichen Freibads ohne Bikini sonnen würde. Auch das Umziehen in der Öffentlichkeit bereitet mir größere Schwierigkeiten. Ein möglichst großes Handtuch um mich gewickelt, versuche ich meinen klatschnassen Badeanzug vom Körper zu streifen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren und Blösse zeigen zu müssen. Dass ich danach in der Lage bin, nebst alter durchlöcherter Baumwollunterhose auch noch in eine Jeans zu schlüpfen, erstaunt mich dann immer wieder selbst. In meiner eigenen Wohnung habe ich dagegen weniger Bedenken, dass es beim Umziehen peinlich werden könnte. Allerdings habe ich bisher entweder zwei Stockwerke über allen benachbarten Häuserdächern gewohnt, oder aber neben einem Autohaus, das zu sehr begrenzten Zeiten frequentiert war. Nun bin ich mitten in einer Metropole in eine Wohnung in den ersten Stock gezogen. Mit einem Abstand von knapp zwanzig Metern kann ich meinen gegenüber wohnenden Nachbarn zwar nicht die Hand reichen, aber immerhin winken. -Oder sie dabei beobachten, wie sie kochen, essen, am Computer sitzen und sich umziehen. Im Rückschluss begreife ich, dass mein Leben nun für sie ebenso einsehbar geworden ist.

1 Kommentar 18.9.07 23:44, kommentieren