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Prolog

Der Schock, plötzlich in Wien zu leben, ist in keiner Weise geringer als der Aufprall zweier Autos auf der Autobahn. Nun bin ich also hier. Die Stadt, die mir bereits seit Jahren vertraut ist, nenne ich auf einmal mein Zuhause.

1 Kommentar 16.9.07 10:30, kommentieren

Über das exhibitionistische Wohnen

Ich bin seit jeher eher freizügig. Nicht, dass ich mich auf der Liegewiese des örtlichen Freibads ohne Bikini sonnen würde. Auch das Umziehen in der Öffentlichkeit bereitet mir größere Schwierigkeiten. Ein möglichst großes Handtuch um mich gewickelt, versuche ich meinen klatschnassen Badeanzug vom Körper zu streifen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren und Blösse zeigen zu müssen. Dass ich danach in der Lage bin, nebst alter durchlöcherter Baumwollunterhose auch noch in eine Jeans zu schlüpfen, erstaunt mich dann immer wieder selbst. In meiner eigenen Wohnung habe ich dagegen weniger Bedenken, dass es beim Umziehen peinlich werden könnte. Allerdings habe ich bisher entweder zwei Stockwerke über allen benachbarten Häuserdächern gewohnt, oder aber neben einem Autohaus, das zu sehr begrenzten Zeiten frequentiert war. Nun bin ich mitten in einer Metropole in eine Wohnung in den ersten Stock gezogen. Mit einem Abstand von knapp zwanzig Metern kann ich meinen gegenüber wohnenden Nachbarn zwar nicht die Hand reichen, aber immerhin winken. -Oder sie dabei beobachten, wie sie kochen, essen, am Computer sitzen und sich umziehen. Im Rückschluss begreife ich, dass mein Leben nun für sie ebenso einsehbar geworden ist.

1 Kommentar 18.9.07 23:44, kommentieren

Über die Eifersucht bei der Musik

Es ist erst 11 Uhr Morgens, und ich weiß ich jetzt schon, dass es sich gelohnt hat, an diesem Tag aufzustehen. Ich habe eine neue aufregende Cd entdeckt, von einer Band, dessen Name mir bisher unbekannt war. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um diesen Namen der Welt zu verkünden, um alle an dieser tollen Musik teilhaben zu lassen. Aber hier liegt das Dilemma: Was passiert, wenn mehr und mehr Menschen anfangen, diese Musik zu hören? Die Band würde auf immer mehr Konzerte eingeladen werden, die Touren würden länger werden, und die Gigs immer größer. Die Musik würde im Radio gespielt werden, immer öfter, und die Band würde sich so sehr an den Ruhm gewöhnen, dass ihre Musik womöglich abflachen würde im Bemühen, massentauglich zu bleiben. Das alles will ich aber nicht. Lieber behalte ich den Künstlernamen dieser tollen Musiker für mich und vertraue darauf, dass ihre Musik auch weiterhin frisch und aufreibend bleibt, dass die Konzerte erschwinglich und die Musiker arm bleiben. Ich erspare ihnen bestimmt damit auch die Probleme, die mit dem Ruhm kommen. Es ist also mehr ein Liebesdienst, als Eigennutz... oder? Schließlich gebe ich aber zu, dass es auch immer mit Exklusivität zu tun hat. Ich gebe zu: Auf meinem iPod befindet sich auch Musik von pop(ulären) Künstlern. Fragt man mich nach meinem Musikgeschmack, verschweige ich diese Musik aber. Stattdessen nenne ich Namen, von denen noch nie jemand gehört hat. Exklusivität, Baby! Nur die Guten hören meine Musik. Für alle, die auch auf die richtige Seite wechseln wollen. Fangt mal an mit Feist. Die ist gut, aber auch schon wieder fast zu bekannt. Auf meinem iPod ist sie natürlich trotzdem drauf.

1 Kommentar 26.9.07 11:09, kommentieren

Über das Finden von neuen Freunden

Ich erinnere mich noch an diverse Artikel in Jugendzeitschriften, in denen Tipps und Tricks zum Flirten verraten wurden. Das Thema "Wie finde ich attraktive Männer und signalisiere, dass ich interessiert bin" ist zwar seit einigen Jahren obsolet geworden, die Tipps und Tricks behersche ich immer noch. Im Moment wäre es mir aber lieber, ich würde die Zauberworte beherrschen, um Freunde kennenzulernen. Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen einem ersten Flirt und dem ersten freundschaftlichen Kontakt. Folgende Geschichte illustriert das ganz gut: Letzte Woche war ich bei einer modernen Tanzperformance. Im Vorfeld dazu fand eine Einführung in das Werk der Choreographin statt und mir fiel ein gut aussehender Typ auf, der sich zwei Reihen weiter mit seinem Freund hingesetzt hatte. Sein Aussehen fiel in die Kategorie "Typus Architekturstudent" – schwarze eckige Brille und halb schludrig, halb ordentliche Klamotten. Wir sind uns während der Performance mehrmals über den Weg gelaufen und als ich nach dem Ende der Vorstellung mit meinem Rad davonfuhr sagten wir sogar noch "Tschüss" zueinander. Wäre ich single, so hätte ich vielleicht diese Gelegenheit nützen können, um mit Löwenmut stehen zu bleiben und nach seiner Telefonnummer zu fragen – oder ihm meine zu geben. Nun ist es aber so, dass ich einen tollen Freund habe und gar nicht auf der Suche nach einem anderen Mann bin. Ich bin aber auf der Suche nach Freunden, die ich in dieser neuen Stadt sehr schmerzlich vermisse. Hätte ich auch absteigen und zum Architekturstudenten sagen können: "Hey, du scheinst echt nett zu sein! Hättest du Lust, mal was gemeinsam zu unternehmen? Ich hab bereits einen Freund, es wäre also wirklich nur freundschaftlich." Eine solche Anfrage scheint mir nun gar zu abstrus. Wie fragt man jemanden, ob er oder sie Lust auf eine Freundschaft hat? Ich denke, meist entstehen Freundschaften ja zufällig. Man kennt sich aus dem Studium, aus der Arbeit oder lernt sich über den Freundeskreis kennen. Ich habe auch selber tolle Freunde, die ich auf diese Weise kennengelernt habe. Aber beim Flirt überlässt man es ja auch nicht dem Zufall. Die Chemie muss schon stimmen. Das ist doch im Prinzip bei Freunden auch nicht anders.

28.9.07 12:36, kommentieren